24.02. bis 06.04.2018

Sebastian Kubersky
Malerei unzerfickbar

wie wenn Mario 1 Stern frisst...

Versuchsaufbau mit Worten und zum Anfassen
24.02., ab 19:30: Performative Inbetriebnahme des Versuchsaufbaus

ab 17:30 im Top of the Lake (An der Alster 22-23, 20099 Hamburg)
ab 19:00 Shuttle in die Bräuning Contemporary

Programm:

17.30 Willkommen
18.00 Einführung und theoretischer Umriß zum Versuchsaufbau
18.30 Snacks & Drinks
19.00 Shuttle zu den Räumen von Bräuning Contemporary, wo der Versuchsaufbau ist.
19.30 Performative Inbetriebnahme des Versuchsaufbaus
20.00 mehr Drinks


Malerei unzerfickbar. Echt?

Harte Worte, was? Doch hinterher weiß man immer mehr: Das System Malerei ist eine einzige große Geld- und Machtmaschine, Skill ist zwar vonnöten, aber zweitrangig, und eine wahre Botschaft im Prinzip Makulatur, ganz zu schweigen von irgendwelchen Wünschen, Malerei möge die Gesellschaft zum Besseren bewegen.

Alles Quatsch, sagen die anderen, solange es den einen Moment gibt, in dem ein Bild berührt, etwas auslöst, neue Sichtweisen eröffnet, kurz: dieses unbestimmt magische Gefühl auslöst, mit dem die Malerei sich zu umgeben versteht wie der Honigbär sich mit Bienen.

Halt Halt Halt! Würden dann die ersten wieder rufen, das sei alles propagierte Magie: wenn man es nur oft genug behaupte, würde alles magisch, vor allem mit gehörig Story drumherum von Freiheit, Rebellentum, Drogengebrauch, wundersamem Talent, etc.

Ha – sagt dann der schlaue Dritte, seines Zeichens kreativer Entrepreneur: was, wenn nun beides stimmt! Ein schönes Destillat kochen aus einem Quantum Talent, etwas mystischer Biografie, einem Hauch Weltverbesserung und einer Prise Erfolgsanschein (jeder ist hier Rap im Sixt-BMW in der Straße des kreativen Kapitals), und schon kommt aus dem Labor ein Stoff, den jeder haben will.

Okay okay. Wir sehen schon:

– es könnte ewig so weiter getextet werden
– augenscheinlich existieren zwei Seiten einer Münze. Plus den Rand.
– so einfach lässt sich durch die verschiedenen Meinungen nicht durchfinden

Deshalb, exklusiv und für uns alle, wird unter dem Arbeitstitel „Malerei unzerfickbar wie wenn Mario 1 Stern frisst“ ein Versuchsaufbau (es könnten auch die Begriffe Experiment oder sogar Labor, oder noch schöner: art lab gedacht werden), es soll also ein Versuchsaufbau realisiert werden, der mittels verschiedener Ingredienzen und Verfahren die Belastbarkeit der Titelaussage testet – und übergeordnet eine Möglichkeit bieten will, die individuelle Einstellung zu Malerei im Besonderen und Kunst im Allgemeinen neu zu sortieren.

Danke an die Fantastischen Vier, Andre Mulzer und POL1Z1STENS0HN für die ausgeliehenen Textzeilen! We love you, you're fucking amazing and I was like omg!

An diese Stelle ist Schluss mit der Polemik. Aber wer will, kann sich mit einer ganz speziellen Zutat, die zum Einsatz kommen soll, nämlich der Idee des Künstlers als Dienstleister, noch eingängiger beschäftigen:

"Unser Gefühlsband zu unseren Dingen ändert deren Status oft vom Gebrauchsgegenstand hin zu einer Art Totem unserer Gefühle. Wenn dies auch mit Sicherheit ein normaler und wichtiger Vorgang ist, so kann er doch leicht ins Exzessive umschlagen. So ist zum Beispiel die japanische Sichtweise, dass Dinge erst durch Gebrauch und Gebrauchsspuren richtig schön werden (wabisabi), in Europa nicht sehr weit verbreitet. Das was in Europa als Vintage bekannt ist, stellt auf dem Feld der käuflichen Dinge die Imitation von Gebrauch an neuen Dingen dar. Echtes Vintage ist eine Nischenerscheinung und ein Geheimtipp, allgemein müssen alle Dinge möglichst wie am ersten Tag aussehen. Kombiniert mit den oben erläuterten gesellschaftlichen Einflüssen erzeugt dies eine museale Atmosphäre von Konservatismus, Unsicherheit und damit Passivität, die uns daran hindert unsere Spielfertigkeit auszuleben und den Dingen nur den Platz einzuräumen, der uns genügend Freiheit verschafft sie zu verbrauchen, zu ändern oder zu entsorgen wenn sie unnütz geworden sind. Ich nenne diesen Zustand komfortable Krise, einen Zustand des nicht aktiv Entscheidungen Treffens, in dem unser materieller Besitz Kontrolle über uns gewinnt.

Im Besonderen gilt dies für eine spezielle Kategorie unserer Dinge: den Kunstwerken in unserem Zuhause. Hier gilt in erhöhtem Maß die Unantastbarkeit der Objekte, da sie das einzigartige Produkt eines Kristallisierungsprozesses einer bestimmten Idee sind, sei sie ästhetisch, gesellschaftlich oder alles zusammen. Wie ein Buch nicht umgeschrieben werden darf, dürfen Bilder nicht übermalt, Skulpturen nicht verändert werden. So verkommen viele Kunstgegenstände von ehemals geliebten Manifestationen eines für den Kunstbesitzer wichtigen Gedankens zu unbeachteten Staubfängern. Unabhängig von ihrer Qualität, ist es nur wenigen Kunstwerken vergönnt, als zeitloses Beispiel einer Idee, einer Machart oder Epoche zu gelten. Und unbestritten gibt es – und wird es immer geben – Liebhaber alter Kunst. Und wiederum unbestritten fußt dieses Liebhaben auf Güte und Durchschlagskraft alter Kunstwerke. Aber was passiert, wenn man 30 Jahre mit einem Picasso leben muss? Wie erfrischend für die Beziehung zu ihm wäre es, er bekäme einen neuen Anstrich. Wie erbaulich ist es, sich die tradierten Ideen der Alten anzueignen, indem man ihre Werke umnutzt? Wenn die Futuristen in ihrer Radikalität noch die Versenkung sämtlicher Kulturschätze auf den Meeresgrund forderten (FN: vgl. F.T. Marinetti: Manifest des Futurismus und Tode dem Mondenschein! Zweites Manifest des Futurismus in Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Futurismus Geschichte, Ästhetik, Dokumente, erschienen bei Rowohlt, Reinbek 1993), haben Banksys Umgang mit dem Motiv der Mona Lisa oder Asger Jorns Übermalungen (Modifications) aus unterschiedlichen Beweggründen heraus genau diese Lust der Umnutzung stellvertretend für ein großes Publikum befriedigt. Wenn sich der durchschnittliche Nutzer von Kunst ebensolcher Prinzipien bedienen würde, könnten die Werke in seinem Besitz mit ihm wachsen. Das ist kein Plädoyer dafür, über alles mit der Sprühdose rübergehen zu müssen. Die generelle Möglichkeit, erarbeitet an ein oder zwei Objekten im eigenen Besitz ist völlig ausreichend. Sie gewährt dem Nutzer Autonomie über seinen Kunstbesitz, ermöglicht den Dialog mit dem professionellen Künstler und öffnet so eine neue Ebene des Erlebens von Kunst für den Nutzer. Der Spruch von Joseph Beuys, jeder Mensch sei ein Künstler, wird somit in seiner realistischen Dimension, nämlich dass das wichtigste an der Kunst der schöpferische Akt unabhängig von seiner Qualität sei, genutzt. Der schöpferische Akt des Nutzers ermöglicht eine bessere Übersicht und Verbundenheit bezüglich seiner Dinge. Der professionelle Kreative unterstützt ihn dabei, gibt Vorlagen und übernimmt die Justierung."

Aus: "This home is currently being catastrophised – Überlegungen zum konfliktreichen Raum und Strategien zum Umgang mit ihm", Sebastian Kubersky & Christine van Meegen, Eigenverlag, 2015